Angelika Schelte hat die Montessori-Fachoberschule Franken entwickelt und aufgebaut und engagiert sich seit vielen Jahren für die Gemeinschaft Freie Schulen Nürnberg. Im Interview mit deinNämberch spricht sie über Bildungsvielfalt, individuelle Förderung und eine in Bayern einzigartige Zusammenarbeit ohne Konkurrenzdenken. Außerdem erklärt sie, warum freie Schulen keine elitären Privatschulen sind, welche Herausforderungen soziale Medien und künstliche Intelligenz mit sich bringen – und weshalb sie sich von Stadt und Staat mehr Unterstützung wünscht.
Wie ist Ihre persönliche Beziehung zu Nürnberg?
Ich habe meinen Mann 1992 im beruflichen Kontext in Nürnberg kennengelernt. Er hat mich aus dem Allgäu entführt. Zunächst habe ich mit den Nürnbergern etwas gefremdelt, aber das hat sich mittlerweile gelegt …

Wie hat Ihr eigener Weg in die Bildungsarbeit und zu den freien Schulen begonnen?
Es war eine logische Entwicklung: Wir suchten die passende Schule für unsere Kinder und stießen dabei auf die Montessori-Schule. Wir wollten ein gutes pädagogisches Konzept und Lernklima, damit unser Kind wachsen und sich entfalten kann. Gleichzeitig wollten wir, dass dennoch nach dem geltenden bayerischen Lehrplan beschult wird. Und das haben wir zu 100 Prozent bekommen. Was fehlte, war die Wahlmöglichkeit nach dem Ende der Grundschulzeit, es fehlte damals die Perspektive bis zum Abitur zu gelangen. Also habe ich mich auf den Weg gemacht, Mitstreiter gefunden, erst die Schule und dann das Kultusministerium überzeugt. Ich durfte die MOS Franken entwickeln und aufbauen, eines der großen Geschenke in meinem Leben.
Im Gründungsjahr der MOS 2008 drohten den freien Schulen Kürzungen der Schulfinanzierung durch die bay. Staatsregierung. Aus Sorge, ihre finanzielle Grundsicherung zu verlieren, hat sich die Gemeinschaft Freie Schulen gegründet, um eine Podiumsdiskussion unter dem Titel „Chancengleichheit für Freie Schulen“ zu organisieren. Getragen von der positiven Resonanz dieser Veranstaltung ist daraus die Gemeinschaft der Freien Schulen Nürnberg entstanden. Einzigartig in Bayern arbeiten wir ohne Konkurrenzgedanken in pädagogischen und bildungspolitischen Fragen konstruktiv zusammen.

Für Menschen, die freie Schulen nur am Rande kennen: Was macht freie Schulen aus Ihrer Sicht besonders?
Wir alle „brennen“ für unsere Schulen. Freie Schulen sind schnell lernende Organisationen die mit kurzen Entscheidungswegen auf gesellschaftliche Bedürfnisse und Entwicklungen reagieren können. Wir bieten Plattformen für Ideen und innovative Unterrichtsformen. Daher sind wir oft auch Ideengeber für das öffentliche Schulsystem.
Uns eint, dass wir Verantwortung übernehmen und die Schülerinnen und Schüler in ihrer Entwicklung zu individuellen Persönlichkeiten begleiten. Durch unsere besonderen pädagogischen Profile und Angebote leisten wir einen unverzichtbaren Beitrag im Bildungswesen.
Sie sind Geschäftsführerin der MOS Franken. Wie würden Sie die Schule und ihren Ansatz in wenigen Sätzen beschreiben?
Wir sind eine Fachoberschule, die ein besonderes Augenmerk auf die individuelle Persönlichkeit eines Schülers legt. Bildung findet bei uns nicht ohne Praxisbezug statt. Ein Schwerpunkt an unserer Schule ist die respektvolle und achtsame Beziehungsgestaltung zwischen Schüler und Lehrer, um ein erfolgreiches Lernen zu ermöglichen. Der junge Mensch in dieser Altersklasse braucht Anleitung und Begleitung. So fördern wir die Sozialkompetenzen und ermöglichen „Selbst-Erfahrung“. Hierzu gehört auch ein Auslandpraktikum für alle Schülerinnen und Schüler, um interkulturelle Kompetenzen zu erfahren.

Welche Rolle spielen Eigenverantwortung, Wertschätzung und Selbstvertrauen im Schulalltag?
Für die Persönlichkeitsentwicklung sind diese drei Säulen von zentraler Bedeutung. Vor allem im sensiblen Jugendalter, wo jeder seinen Weg zum Erwachsenwerden suchen und finden muss. Ohne Selbstvertrauen ist erfolgreiches Lernen nicht möglich. Wir versuchen dies durch Freiräume innerhalb des Schulalltags zu fördern, beispielsweise durch Projektarbeit und demokratische Mitbestimmung. Die Übernahme von Eigenverantwortung wird durch Teilhabe am Schulleben wie SMV, Cafeteria, bei Schulveranstaltungen und Projekttagen gefördert.
Warum ist Bildungsvielfalt für eine Stadt wie Nürnberg wichtig?
Nürnberg ist eine Arbeiter- und Studentenstadt. Sie beherbergt außerordentlich viele Kulturen. Die Stadtbevölkerung ist bunt. Unsere Schulen sind ein Spiegel der Gesellschaft und somit eine wichtige Ergänzung zum klassischen Regelschulsystem. Nürnberg feiert in diesem Jahr 500 Jahre Bildungshelden. In diesem Bildungsbürgertum ist die im Grundgesetz verankerte freie Wahl der Schule gerade für Nürnberg von zentraler Bedeutung. Hier beleben die freien Schulen die Bildungslandschaft und stärken Nürnbergs Bildung.

Welche Missverständnisse begegnen Ihnen häufig, wenn es um freie Schulen geht?
Die reformpädagogischen Schulen werden oft mit teuren „elitären Privatschulen“ gleichgesetzt. Dabei sind alle unsere Schulen in der Gemeinschaft gemeinnützig und bieten Familien mit geringem Einkommen Schulgeldreduzierungen bis teils zu sogar kostenfreien Schulplätzen an. Glücklicherweise werden die Stimmen weniger, die unseren Inklusionsansatz als „Förderschule“ verwechseln. Jedoch wird die Waldorfschule wohl nie den Ruf des Namen Tanzens nie ganz verlieren 😉
Was leisten freie Schulen für Schülerinnen, Schüler und Familien, was im klassischen Schulsystem manchmal zu kurz kommt?
Wir sehen den einzelnen Schüler mit seinen Besonderheiten und in seiner Individualität. Dies können wir leisten, da unsere Klassenstärken meist kleiner sind und wir in interdisziplinären Teams arbeiten. Bei uns stehen nicht die Noten im Vordergrund sondern ganzheitliches Wissen. Bei uns findet Bildung nicht ohne Praxisbezug statt. Damit dies gelingen kann, arbeitet die ganze Schulfamilie zusammen. Wir investieren viel Zeit in Beratungsarbeit. Auch nach pädagogischen Bedürfnissen gestaltete Lernräume unterstützen hier erfolgreiches Arbeiten.

Die Gemeinschaft Freier Schulen Nürnberg zeigt, dass unterschiedliche pädagogische Konzepte gemeinsam auftreten können. Warum ist diese Zusammenarbeit wichtig?
Unsere Einrichtungen zeigen einen durchlässigen Weg von der Krippe bis zum Abitur, der sich durch Gemeinsamkeiten wie gegenseitige Wertschätzung, Eigenverantwortung, Teamgeist und Selbstvertrauen auszeichnet. Uns vereint also viel mehr, als uns trennt.
Der Zusammenschluss wirkt sich sehr positiv auf die Wahrnehmung in politischer Ebene aus. Die Gemeinschaft der Freien Schulen in Nürnberg hat sich in den vergangenen Jahren als ein starker verlässlicher Partner für die Stadt Nürnberg entwickelt und wird auch als solcher wahrgenommen.
Dieses Modell der Zusammenarbeit ist in Bayern einzigartig. So unterschiedlich reformpädagogische bzw. weltanschauliche Ausrichtungen auch sind und bleiben, so gern arbeiten wir zusammen. Dies schaffen wir ohne Neid – und Konkurrenzgedanken auf allen Ebenen. Wie dies gelingt? Trotz der Eigenständigkeit sind unsere Schulen in den letzten 18 Jahren zusammengewachsen und auch zu wirklichen Freunden geworden.

Unter dem Motto „Frieden braucht Bildung“ haben freie Schulen in Nürnberg zuletzt ein starkes Zeichen gesetzt. Was bedeutet dieser Satz für Sie?
Frieden ist kein Selbstläufer. Krisen und Kriege weltweit bedrohen die Zukunft. Das Aushalten und Lösen dieser Konflikte gelingen nur durch reflektierte Menschen. In meiner Schulkonzeption habe ich vor über 20 Jahren geschrieben: „Die Jugendlichen von heute sind die Akteure und Gestalter von morgen“. Dieser Satz erscheint mir heute wichtiger denn je.

Wo sehen Sie aktuell die größten Herausforderungen für freie Schulen in Nürnberg?
Wie auf Landesebene, blickt auch Nürnberg großen finanziellen Herausforderungen entgegen. Bei der Verteilung der Gelder wird der Schwerpunkt nicht auf die Bildung gelegt. Überall werden uns Gelder gekürzt. Dabei arbeiten wir sehr sparsam. Die Kosten für eine Schülerin/einen Schüler in unseren Einrichtungen sind viel niedriger – direkt verglichen mit den Kosten an einer öffentlichen Schule, denn wir haushalten sparsam! In der modernen Sprache würde man uns als erfolgreiche Start-Ups bezeichnen. Die Zuschüsse aus öffentlicher Hand reichen mit ca. 52% gerade mal zur Hälfte der Refinanzierung unserer Kosten.
Auch das bayernweite Problem Lehrer zu finden – vor allem engagierte und geeignete Lehrer – trifft uns natürlich besonders. Wir bieten keine Verbeamtung an, somit verzerrt dies natürlich den Wettbewerb enorm.
Aber ich glaube die größte Herausforderung ist der gesellschaftliche Wandel, der geprägt ist von Diskussionen über den unbestrittenen Einfluss der sozialen Medien auf die Entwicklung der Jugendlichen und die zu erwartenden Veränderungen durch die Präsenz der KI. Mit diesen Einflussfaktoren konkurriert Schule.

Zum Schluss: Was wünschen Sie sich für die Bildungsstadt Nürnberg in den nächsten Jahren?
Zitat aus dem Bildungsbericht der Stadt Nürnberg: „Schulen in freier Trägerschaft sind ein wichtiger Bestandteil der Nürnberger Schullandschaft. Sie bieten bewährte Ansätze der Reformpädagogik, des Ganztagsbetriebs und der Inklusion. Ein vertiefter inhaltlicher Austausch zwischen Schulen in öffentlicher und freier Trägerschaft könnte den Transfer von erfolgreichen Konzepten erleichtern.“
Immer wieder wird uns freien Schulen in Gesprächen vermittelt, wie wichtig unsere Arbeit für die Bildungsstadt ist. Wir freuen uns sehr, dass die Stadt unsere Arbeit anerkennt und auch bezuschusst. Allerdings wurden in diesem Jahr diese Gelder um 50 % gekürzt. In anderen Bereichen wurden die Zuschüsse zwischen 17 und 20% gekürzt. Aber neben finanziellen Kürzungen kämpfen wir immer um viele Themen der Gleichstellung – sei es beim Schülerticket, Glasfaseranschluss, Ganztag oder der Turn- und Schwimmbadnutzung. Es gibt viele weitere Beispiele, die die Stadt nicht viel Geld kosten, uns aber in unserem Bildungsauftrag unterstützen.
Was ich mir somit für die Zukunft wünsche, ist eine Kommunikation und Handeln auf Augenhöhe.
Vielen Dank für dieses interessante Gespräch!
