Seit über fünf Jahrzehnten ist der Nürnberger Gerd Lamatsch auf Fußballplätzen unterwegs. Der ehemalige Schiedsrichter hat mehr als 1.950 Spiele geleitet, schaffte in den 1990er-Jahren den Sprung in den bezahlten Fußball und war später auch als Beobachter und Coach im Spitzenbereich für BFV und DFB tätig. Heute verfolgt er das Geschehen rund um den Fußball weiterhin aufmerksam – und hat seine Erfahrungen in zwei Büchern verarbeitet. Besonders intensiv beschäftigt er sich mit dem Videobeweis (VAR). Im Gespräch mit deinNämberch erklärt er, warum der VAR die Fußballwelt spaltet, wo Regeln verbessert werden sollten und warum Nürnberg für ihn die schönste Stadt der Welt ist.
Gerd, wie bist du eigentlich zum Schiedsrichter geworden?
Schon als Schüler hat mich das Amt des Schiedsrichters fasziniert. Mit 16 Jahren habe ich die offizielle Prüfung beim Bayerischen Fußballverband abgelegt. Seitdem war ich über 50 Jahre lang auf Fußballplätzen in ganz Deutschland unterwegs und habe mehr als 1.950 Spiele begleitet.

Welche Stationen deiner Schiedsrichterlaufbahn waren für dich besonders prägend?
In den 1990er-Jahren habe ich den Aufstieg bis in den bezahlten Fußball geschafft. Im Landesverband Bayern habe ich rund 15 Jahre lang Spiele der obersten Amateurklasse geleitet. Außerdem war ich etwa zehn Jahre als Beobachter und Coach im Spitzenbereich für BFV und DFB tätig. Heute habe ich die Pfeife zwar an den Nagel gehängt, aber ich verfolge das Fußballgeschehen immer noch sehr genau.
Du hast dich intensiv mit dem Videobeweis (VAR) beschäftigt und sogar ein Fachbuch dazu geschrieben. Was hat dich dazu motiviert?
Der Videobeweis beschäftigt die Fußballwelt seit seiner Einführung vor über acht Jahren jedes Wochenende. In meinem Buch „Kellerschiri – Der Weg zum Videobeweis“ setze ich mich mit dem Thema intensiv auseinander. Es ist bisher das einzige Fachbuch zu diesem Thema und nach wie vor aktuell, weil sich seit Jahren nur wenig grundlegend verändert hat.

Bist du grundsätzlich für oder gegen den Videobeweis?
Grundsätzlich bin ich dafür. Der VAR sorgt in vielen Situationen für mehr Gerechtigkeit, weil klare Fehlentscheidungen korrigiert werden können. Über 80 Prozent dieser Fehlentscheidungen werden durch die technische Unterstützung tatsächlich revidiert. Aber hundertprozentig richtige Entscheidungen wird es im Fußball nie geben.
Viele Fans kritisieren, dass der Videobeweis Emotionen aus dem Spiel nimmt. Wie siehst du das?
Das stimmt teilweise. Wenn nach einem Torjubel plötzlich ein Treffer zurückgenommen wird und die Überprüfung bis zu zwei Minuten dauert, leidet das Fußballerlebnis. Für die Fans geht ein Stück spontane Emotion verloren. Man kann schon sagen, dass der Videobeweis auch ein Tribut an die zunehmende Kommerzialisierung im Profifußball ist.
Neben dem VAR stehen auch Regeln wie Handspiel oder Abseits häufig in der Kritik.
Besonders die Handspielregel ist mittlerweile sehr kompliziert geworden. Durch viele Ausnahmen und Vorgaben ist sie künstlich aufgebläht. Dadurch entstehen unterschiedliche Auslegungen. Auch das sogenannte „Fußspitzenabseits“, bei dem wenige Millimeter über ein Tor entscheiden, ist problematisch. Technik hat immer eine gewisse Unschärfe – das sollte man berücksichtigen.

Welche Veränderungen würdest du dir im Fußball wünschen?
Ich plädiere für die Einführung einer Netto-Spielzeit. Dann würde nur die Zeit gezählt, in der der Ball wirklich im Spiel ist – ähnlich wie beim Eishockey. Das würde Zeitschinderei und taktische Verzögerungen deutlich reduzieren.
Zum Schluss: Was bedeutet Nürnberg für dich?
Nürnberg ist für mich die schönste Stadt der Welt. Es ist meine Heimatstadt und wir leben hier auf einem traumhaften Fleckchen Erde.
Vielen Dank für das interessante Gespräch!
Info:
Das Buch „Keller-Schiri – Der Weg zum Videobeweis“ (180 Seiten, ISBN: 978-3753101774) ist für 14,95 € als Taschenbuch und E-Book erhältlich. Bei Bestellung über die Website des Autors ist auf Wunsch auch eine persönliche Widmung möglich.
