Mit 24 Jahren hat Samuel Fleischmann in kurzer Zeit bereits einiges durchlebt. Ein Krebsverdacht, mehrere Operationen, Verletzungen und zuletzt ein schwerer Bandscheibenvorfall haben ihn innerhalb von zwei Jahren immer wieder aus seinem Alltag gerissen und vieles verändert.
An einem persönlichen Tiefpunkt begann er sich eine Frage zu stellen: Was macht mich eigentlich wirklich glücklich? Die Antwort führte ihn zurück zur Musik – und zu der Entscheidung, seine Geschichte öffentlich zu erzählen. Im Interview mit deinNämberch spricht Samuel über seinen Beruf als Erzieher, schwierige Monate, seinen neuen Blick auf das Leben und darüber, warum seine Reise gerade erst beginnt.
Samuel, wer bist du und was verbindet dich mit Nürnberg?
Ich bin 24 Jahre alt, hauptberuflich Erzieher und lebe aktuell direkt hinter dem Nürnberger Hauptbahnhof. Geboren bin ich zwar in Spanien, aber ich bin nahezu vollständig in Nürnberg aufgewachsen und fühle mich mit der Stadt sehr verbunden.
Besonders die Nordstadt bedeutet mir viel, weil ich dort seit unserem Zuzug nach Deutschland bis hin zum Auszug von Zuhause gelebt habe. Die Nähe zur Altstadt, gleichzeitig aber auch die Möglichkeit, schnell im Grünen zu sein, und diese für eine Großstadt teilweise sehr ruhige Atmosphäre haben mir dort immer gefallen.
Meine jetzige WG direkt hinter dem Hauptbahnhof ist ein ziemlicher Kontrast zu dem, wie ich vorher gewohnt habe – aber genau das war für diese Phase meines Lebens auch irgendwie perfekt. Mitten in der Stadt, ständig etwas los und alles direkt vor der Haustür. Zentraler kann man in Nürnberg eigentlich kaum wohnen!
Beruflich arbeite ich in einem Hort und liebe meinen Job und die Arbeit mit Kinder im Allgemeinen wirklich sehr. Umso schwieriger war es für mich, dass ich ihn in den vergangenen Monaten nicht ausüben konnte. Mittlerweile bin ich wieder voll dabei – und glücklich, arbeiten zu dürfen/können.

Die vergangenen zwei Jahre waren für dich gesundheitlich eine große Herausforderung. Was ist passiert?
Zwischen meinem 22. und 24. Lebensjahr ist einiges zusammengekommen, womit man in diesem Alter wahrscheinlich nicht unbedingt rechnet.
Angefangen hat es damit, dass mein Gesundheitszustand immer schlechter wurde und zunächst niemand so richtig wusste, warum. Dann plötzlich: auffällige Lymphknoten, Krebsverdacht, Krankenhaus, Operation und Komplikationen. Danach hieß es erstmal warten – bis irgendwann endlich die Entwarnung kam: kein Krebs.
Also habe ich mich wieder zurückgekämpft. Kurz darauf musste meine rechte Schulter operiert werden. Wieder Stillstand, wieder von vorne und ich habe mich erneut zurückgearbeitet.
Dann habe ich mir die linke Schulter ausgekugelt und musste wieder operiert werden… nur etwa zwei Wochen später wurde plötzlich mein linkes Bein taub, ich konnte kaum noch laufen und bekam die Diagnose: schwerer Bandscheibenvorfall.
Das hat mich körperlich und emotional zerrissen, nach unten gezogen und komplett aus der Balance gebracht. Vor allem, weil immer dann, wenn ich dachte, dass es langsam wieder bergauf geht, das Nächste kam.

Gab es einen Moment, an dem du gemerkt hast: So wie bisher kann und soll es nicht weitergehen?
Ja. Ich bin irgendwann an einem Tiefpunkt angekommen, an dem gefühlt alles weggebrochen ist, womit ich mich vorher identifiziert hatte. Im Hochsommer lag ich in meiner Dachgeschosswohnung im fünften Stock im Bett und konnte eigentlich nur darauf warten, wieder gesund zu werden. Sport war weg, Arbeit war weg, vieles von meinem normalen sozialen Leben war weg. Mental ging es mir in dieser Zeit extrem schlecht.
Irgendwann wollte ich mich davon aber nicht mehr komplett einschränken lassen. Durch den Bandscheibenvorfall musste ich teilweise alle ein bis zwei Stunden meine Reha-Übungen machen. Also habe ich angefangen, sie einfach dort zu machen, wo ich gerade war – am Bahnhof, im Zug oder unterwegs mit Freunden. Mir war irgendwann egal, ob das vielleicht etwas komisch aussieht. Ich wollte nicht den ganzen Sommer zu Hause verbringen und noch mehr von meinem sozialen Leben verlieren.
Bis dahin hatte ich eigentlich die ganze Zeit versucht, mein altes Leben zurückzubekommen: meine alte Form, meinen alten Körper, den Menschen, der ich vorher war.
Und irgendwann kam bei mir der Gedanke: Vielleicht muss ich gar nicht zurück. Vielleicht geht es gar nicht darum, wieder der Alte zu werden. Vielleicht geht es darum, herauszufinden, wer ich eigentlich sein möchte und was ich wirklich für mich mache.
Da habe ich angefangen, mir Fragen zu stellen, die ich mir so vorher nie gestellt hatte: Was macht mir wirklich Freude? Was würde ich tun, wenn Anerkennung, Geld oder die Meinung anderer für einen Moment völlig egal wären? Und irgendwann wurde daraus die Frage: Was macht mich eigentlich wirklich glücklich?
Welche Antwort hast du darauf gefunden?
Drei Dinge! Das Erste ist Gesundheit. Mir ist bewusst das, dass jeder irgendwie weiß oder als Prio haben sollte aber ich glaube, wie wertvoll sie wirklich ist, versteht man oft erst dann, wenn sie plötzlich nicht mehr selbstverständlich ist.
Das Zweite ist echter sozialer Kontakt in verschiedensten Formen. Familie, Freunde, Menschen, bei denen man wirklich man selbst sein kann sind etwas sehr wertvolles. Unter anderem bin ich auf Basis dessen auch Erzieher geworden.
Und das Dritte ist die Musik.
Vor allem die Musik hat unglaublich viel mit mir gemacht. Plötzlich hatte ich wieder einen Grund aufzustehen und wieder richtig Lust aufs Leben. Ich habe nicht mehr nur darauf gewartet, gesund zu werden oder mich damit beschäftigt, wie schlecht es mir geht. Das hat mir nicht nur mental wieder viel halt gegeben sondern auch körperlich große auswirkungen gehabt.
Da war auf einmal wieder etwas, für das ich brenne.

Welche Rolle hat Musik vorher schon in deinem Leben gespielt?
Im Rückblick war sie eigentlich immer da. Ich glaube nur, dass ich ihren Stellenwert lange nicht wirklich verstanden habe oder mich nicht getraut habe, ihr den Raum zu geben, den sie für mich eigentlich verdient hätte.
In dieser schwierigen Phase war da irgendwann dieses ganz klare Gefühl: Das ist nicht einfach nur irgendein Hobby.
Wenn ich mich mit Musik beschäftige – egal ob ich sie höre, mixe, singe oder irgendwann vielleicht selbst erschaffe – bin ich einfach ich selbst. Ich kann darin komplett aufgehen, abschalten, aber gleichzeitig auch Emotionen verarbeiten. Positive genauso wie negative.
Und rückblickend fühlt es sich fast so an, als hätte die Musik genau in dem Moment wieder zu mir gefunden, in dem ich sie am meisten gebraucht habe.

Warum hast du dich entschieden, mit deiner Geschichte auf Social Media an die Öffentlichkeit zu gehen?
Zu Beginn habe ich gemerkt, dass es etwas mit den Menschen in meinem direkten Umfeld macht, wenn sie sehen, dass ich trotz all der Einschränkungen und Rückschläge wieder aufstehe und anfange, Dinge zu verändern.
Irgendwann dachte ich mir: Wenn meine Geschichte Menschen in meinem Umfeld etwas gibt, warum sollte ich sie dann nicht öffentlich machen und vielleicht noch viel mehr Menschen damit erreichen? Also habe habe ich einfach mal losgelegt.
Ungefähr einen Monat später habe ich mein erstes Video veröffentlicht und ziemlich schnell gemerkt, dass meine Geschichte tatsächlich etwas bei Menschen auslöst. Erst in meinem direkten Umfeld, dann bei Menschen, mit denen ich teilweise schon jahrelang keinen Kontakt mehr hatte, und schließlich auch darüber hinaus.
Ich habe sehr viele ehrliche Nachrichten bekommen. Menschen haben mir geschrieben, dass sie das Video berührt oder zum Nachdenken gebracht hat oder dass sie sich in bestimmten Gedanken wiedererkannt haben.
Das hat mir gezeigt, dass aus etwas sehr Persönlichem vielleicht auch etwas entstehen kann, das anderen Menschen etwas gibt. Und genau deshalb mache ich weiter.
Was möchtest du mit deinen Videos vermitteln?
Mir geht es vor allem darum, authentisch zu sein und ich selbst zu sein. Nicht irgendeine perfekte Version von mir darzustellen und auch nicht so zu tun, als hätte ich bereits alle Antworten.
Ich möchte keine fertige Erfolgsgeschichte erzählen. Ganz im Gegenteil: Ich stehe gerade erst am Anfang. Und genau deshalb möchte ich diese Reise dokumentieren.
Ich möchte zeigen, wie es aussieht, wenn jemand versucht, nach einer schwierigen Zeit sein Leben neu auszurichten, Dinge auszuprobieren, Fehler zu machen, wieder aufzustehen und Schritt für Schritt herauszufinden, was ihn wirklich erfüllt.
Vielleicht verändert sich mein Weg dabei noch zehnmal. Das gehört für mich mittlerweile dazu.
Wenn Menschen meine Videos sehen und dadurch selbst anfangen, über ihr eigenes Leben nachzudenken oder den Mut bekommen, etwas auszuprobieren, das sie schon lange machen wollten, dann ist das genau das, was ich den Menschen damit geben möchte.

Fällt es dir schwer, dich dabei so persönlich und verletzlich zu zeigen?
Eigentlich überraschend wenig. Natürlich sind viele Dinge, über die ich spreche, extrem persönlich. Aber es ist eben meine Geschichte. Ich muss mir dafür keine Rolle ausdenken und nichts vorspielen. Ich glaube, gerade deshalb fällt es mir leicht, authentisch darüber zu sprechen.
Und ich habe dabei auch wieder gemerkt, wie unglaublich viel spaß mir Kommunikation bzw das Reden macht. Geschichten zu erzählen, Gedanken auszusprechen und Menschen damit emotional zu erreichen, fühlt sich für mich sehr natürlich an.
Wenn sich dadurch jemand weniger allein fühlt, über sein eigenes Leben nachdenkt oder vielleicht sogar den Mut bekommt, seinen eigenen ersten Schritt zu machen, dann möchte ich ihm genau das geben.
Du sprichst viel über Musik. Gibt es ein konkretes musikalisches Ziel, das du erreichen möchtest?
Natürlich habe ich Träume. Aber ich merke gerade, dass ich mir bewusst nicht dieses eine starre Ziel setzen möchte, bei dem ich sage: Wenn ich genau dort angekommen bin, dann habe ich es geschafft.
Denn was passiert danach? Und was passiert, wenn sich mein Weg unterwegs verändert? Im Moment ist mir viel wichtiger, meiner eigenen Intuition zu folgen und herauszufinden, was sich wirklich richtig anfühlt.
Ich bilde meine Stimme weiter aus (aktiv im Vocalcoaching), möchte mit anderen Menschen musizieren (Frisch einem RnB Chor beigetreten) , beschäftige mich mit dem Auflegen (DJ-ing) und möchte noch viel mehr über Musik lernen und ausprobieren. Und dann schaue ich, wohin mich das Ganze führt.
Vielleicht verändert sich das, was ich heute für meinen Weg halte, in einem halben Jahr komplett. Das wäre für mich mittlerweile nichts Schlimmes mehr.
Eigentlich finde ich gerade den Gedanken schön, noch ganz am Anfang zu stehen. Denn genau das möchte ich auch zeigen: Man muss nicht schon wissen, wo man irgendwann ankommen wird, um loszugehen.

Was hat sich durch die vergangenen Monate an deinem Blick auf dein eigenes Leben verändert?
Mein Vertrauen in das Leben selbst ist enorm gewachsen. Mein Vater hat irgendwann einmal zu mir gesagt: „Das Leben verlangt nie mehr von dir, als du schaffen kannst.“
Diesen Satz kannte ich lange. Aber ich glaube, ich habe erst in den vergangenen Monaten wirklich verstanden, was er für mich bedeutet. Natürlich hätte ich auf sehr viele Erfahrungen der letzten zwei Jahre gerne verzichtet. Und ich möchte schwierige Zeiten auch überhaupt nicht romantisieren. Es gab Momente, die einfach nur beschissen waren.
Aber rückblickend ist daraus gleichzeitig etwas entstanden. Ich habe mich selbst besser kennengelernt. Ich hinterfrage stärker, warum ich Dinge tue, was mir wirklich wichtig ist und was ich vielleicht nur gemacht habe, weil es gesellschaftlich dazugehört oder weil ich es eben schon immer so gemacht habe.
Ich versuche viel mehr, im Moment zu leben und meinem eigenen Gefühl zu vertrauen, anstatt mein Leben nur danach auszurichten, irgendwann irgendein bestimmtes Ziel erreicht zu haben.

Welche Botschaft möchtest du jemandem mitgeben, der gerade selbst an einem Tiefpunkt steht?
Dass es sich lohnt, wieder aufzustehen und das jedes mal! Du musst nicht sofort wissen, wie dein Leben in einem Jahr aussehen soll. Ich wusste es auch nicht. Und du brauchst auch keinen perfekten Plan. Manchmal reicht erstmal der nächste ehrliche Schritt.
Bei mir war dieser Schritt irgendwann, wieder Dinge zu tun, die sich wirklich nach mir angefühlt haben. Und daraus ist nach und nach wieder eine Richtung entstanden. Ich glaube mittlerweile bzw. habe verstanden, dass man manchmal erst durchs Losgehen herausfindet, wohin man eigentlich möchte.
Genau das möchte ich auch mit meiner Geschichte zeigen. Nicht, dass ich irgendwo angekommen bin, sondern dass ich angefangen habe, meinen eigenen Weg zu gehen. Ich weiß selbst noch nicht, wo mich dieser Weg hinführen wird.
Oder wie ich es in meinem letzten Video gesagt habe: Ich weiß nicht, wo diese Geschichte endet. Aber ich weiß, wo sie beginnt. Genau hier.
Vielen Dank für dieses interessante Gespräch!
