“Niemand lebt gerne auf der Straße” – da ist sich Ilse Weiß sicher. Sie ist Chefredakteurin des „Straßenkreuzer“, ein Sozialmagazin aus der Metropolregion Nürnberg. Das Magazin schreibt Geschichten von Menschen, die kein Dach über dem Kopf haben, die ihr Leben anders leben müssen und die es nicht immer einfach haben. Der „Straßenkreuzer“ gibt Menschen auf der Straße ein Gesicht, ermöglicht Austausch und ermutigt sie, ihre Geschichte zu erzählen.

Chefredakteurin Ilse Weiß
Chefredakteurin Ilse Weiß
Bild: Straßenkreuzer

Elf Mal im Jahr erscheint der „Straßenkreuzer“. Zwischen 15.000 und 20.000 Ausgaben werden jedes Mal gedruckt. Das Prinzip ist simpel: Obdachlose Menschen verkaufen das Sozialmagazin für 2,20 Euro auf der Straße. Sie bekommen die Hälfte des Verkaufspreises.

Ilse Weiß arbeitet seit über 20 Jahren für den Straßenkreuzer. Erst ehrenamtlich, seit 2002 als Chefredakteurin. Sie ist verantwortlich dafür, dass “das Magazin Qualität hat”. Ein hoher journalistischer Anspruch hat oberste Priorität für das Magazin und den dahinterstehenden Verein. Die wohnungslosen Menschen sollen ein hochwertiges Produkt verkaufen.

Mehr als nur ein Magazin

Ilse Weiß erzählt von Menschen, die durch den „Straßenkreuzer“ heute nicht mehr obdachlos sind, die ihr Leben heute anders leben. 

Wie zum Beispiel eine Verkäuferin, die durch eine gescheiterte Ehe enorme Schulde hatte. Das Team des „Straßenkreuzers“ konnte sie ermutigen zur Schuldnerberatung zu gehen und dieses schwere Gewicht loszuwerden. 

Ein anderer ist Klaus. Er war obdachlos und Verkäufer beim Straßenkreuzer. Schnell hat er gemerkt: Die Menschen gehen auf ihn zu, nehmen ihn anders wahr. So kam ihm die Idee: Spezialführungen durch die Stadt anzubieten, um das Thema Obdachlosigkeit näher zu bringen. Heute hat Klaus eine eigene Wohnung und ist Chef des Pfandprojekts beim „Straßenkreuzer“ – eine Aktion, bei der jeder seinen Pfand an Leergut-Behältern spenden kann. Bis heute sieht er sich als Botschafter der Obdachlosen in Nürnberg. 

Das sind Erlebnisse und Begegnungen, die Ilse Weiß begeistern. Der „Straßenkreuzer“ kann Vorurteile abbauen, er kann “so viel bewegen – in den Köpfen und in den Herzen”, findet die Chefredakteurin.

Straßenkreuzer

Insgesamt gehören über 100 Leute zum Team des „Straßenkreuzer“. Dazu zählen ehrenamtliche Mitarbeiter genauso wie vier Festangestellte, die Verkäufer und freie Redakteure. Als Chefredakteurin hat Ilse Weiß Aufgaben wie die Chefredaktion bei jedem anderen Magazin auch: Sie recherchiert Themen, koordiniert, redigiert und bespricht das Layout. 

Die Stärke des Magazins: Menschen-Geschichten

Häufig kommen Themen aber auch von außen oder die Verkäufer schlagen selbst welche vor. Ganz nach dem Motto: Die besten Geschichten kommen von der Straße. “Wir schreiben nicht nur über die Menschen, wir reden mit ihnen”, erklärt Ilse Weiß. Es kommen immer mehr Menschen auf den Straßenkreuzer zu und sagen: “Ich möchte auch mal auf die Titelseite.” Der „Straßenkreuzer“ ermutigt die Leute, sich zu zeigen, ihre Geschichte zu erzählen. Gleichzeitig würde er aber nie jemanden überreden oder gar bloßstellen. “Wir möchten falsche Scham abbauen. Niemand muss sich für Ereignisse im Leben schämen.”, betont Ilse Weiß.

International vernetzt

Der „Straßenkreuzer“ ist Mitglied des Weltverbands der Straßenzeitungen – ein Netzwerks aus über 100 Straßenzeitungen aus über 35 Ländern mit dem Hauptsitz in Glasgow. Von dort werden Artikel in verschiedenste Sprachen übersetzt, damit die Texte nicht nur im eigenen Magazin veröffentlicht werden. Einmal im Jahr trifft sich der Verband. Aber auch deutschlandweit unterstützen sich die Straßenzeitungen. Für den Austausch treffen sich die unterschiedlichen Redakteure regelmäßig in Nürnberg. 

Letztes Jahr wusste ich durch Corona nicht, wie ich arbeiten kann.

Chefredakteurin Ilse Weiß

Durch die Corona-Situation sind die letzten Treffen mit anderen Straßenzeitungen ausgefallen. Generell stellt die Pandemie den Verein vor viele Herausforderungen. Ilse Weiß konnte letztes Jahr keinem Kollegen zumuten, “irgendwo hinzugehen.” Auch weitere Projekte des Vereins sind durch die Corona-Situation nicht mehr oder nur begrenzt möglich. Eine Stütze im Rücken ist für den „Straßenkreuzer“ die Stadt Nürnberg. Sie unterstützt den Verein enorm. Im letzten Jahr hat die Stadt wegen der Corona-Krise gleich eine Notunterkunft und ein Haus für Frauen angemietet. Ilse Weiß merkt, dass die Stadt Nürnberg das Leben der Wohnungslosen wahrnimmt und wertschätzt. Das sei in vielen Städten anders und nicht selbstverständlich.