Ruhig sitzt ein 55-Jähriger Mann an einem runden hellbraunen Tisch. Der Raum, in dem der Tisch steht, ist klein, aber hell beleuchtet. Es ist das Büro der Heilsarmee. Draußen scheint die Sonne, es ist ein schöner Tag. Über ein braunes T-Shirt trägt der Mann ein lockeres kariertes Hemd, offen. Die grauen Haare sind zu einem Zopf zusammengebunden. Seine Augen sind auf die Kamera gerichtet, trotzdem geht sein Blick ins Leere. Denn: Es fehlt das Leuchten. Er sieht nicht traurig aus, auch nicht glücklich. Gezeichnet vom Leben, kann man sagen.

Dieser Mann heißt Helmut Arwers. Er war obdachlos. Ein Kind vom Bahnhof Zoo. Im Gefängnis. Sein bewegendes Schicksal, blickt man auf seine Vergangenheit zurück, stand schon bei seiner Geburt fest. Das ist seine Geschichte.

Obdachloser Helmut Arwers in Nürnberg.

Ein schwieriger Start ins Leben

Schon im Alter von 14 Tagen kommt Helmut in ein Kinder- und Säuglingsheim. Die nächsten vier Jahre sind ein Wechselspiel zwischen seinem – eigentlichen – Zuhause und Pflegeheimen. Insgesamt zwölf verschiedene lernt er kennen. Seine Mutter? Misshandelt ihn jedes Mal aufs Schwerste, körperlich wie auch psychisch.

Ein Resultat davon: Mit viereinhalb Jahren wiegt Helmut nur 8,5 Kilogramm. Das ist knapp die Hälfte von dem, was ein normales Kind im gleichen Alter wiegt. Dieses Wechselspiel aus Pflegeheimen und seinem Zuhause endet, als er in die Pflegefamilie kommt, in der seine ältere Schwester bereits wohnt.

Die erhoffte Rettung in Helmuts neuer Pflegefamilie bleibt aber aus.

“Sie haben mir ins Gesicht gesagt, dass ich ein Bastard bin”

Helmut

Er bezeichnet sich selbst als das “schwarze Schaf” der Pflegefamilie. Als “Bastard” beschimpften sie ihn und haben ihm zwölf Jahre lang zu verstehen gegeben, dass er und seine Schwester in dieser Familie nicht erwünscht sind.

Sie werden wie Aussätzige behandelt und bekommen “mehr Schläge als Essen”. Ihr Zimmer beschreibt Helmut als “Besenkammer”, alles andere als kindgerecht. Helmut und seine Schwester haben nicht viel Freizeit und müssen viel arbeiten. Dabei kann er vor allem das nicht sein, was in diesem Alter so unfassbar wichtig ist: ein Kind.

Das Verhältnis zu seiner Schwester ist schon von Beginn an schwierig. Sie hat nie bei der leiblichen Mutter gelebt und kann deswegen vieles nicht nachempfinden, reflektiert Helmut aus heutiger Sicht. Später, ab Helmuts achten Lebensjahr, missbraucht sie ihn sexuell. Mehrfach. Das ist der Moment, an dem Helmut erstmals Suizidgedanken hat. Es wird nicht das einzige Mal bleiben. “Entweder du kommst damit klar oder du bringst dich um”, sagt er damals zu sich. Sein “extremer Überlebenswille” ist es, der ihn auch in Zukunft vor dem Tod bewahren wird.

Einige Jahre später verlässt seine Schwester die Pflegefamilie, um eine Lehre anzufangen. Er sah sie nie wieder. Vermutlich: besser so.

Ein Kind vom Bahnhof Zoo

Mit 15 Jahren zieht es Helmut schließlich mit seinem Pflegevater als Schausteller nach Berlin. Dort landet er das erste Mal auf der Straße. Er lernt Christiane F. kennen, eines der Kinder aus dem Roman “Wir Kinder vom Bahnhof Zoo”. Auch er sollte später zu einem dieser Kinder werden.

An seine erste Nacht auf der Straße kann er sich noch heute gut erinnern. Schmerzlich erfährt er durch sexuellen Missbrauch und Vergewaltigung, wie es in seiner neuen Welt zugeht. Gemeinsam mit seinen Freunden schläft er auf der Kurfürstenstraße, im Kino, oder in der aus dem Buch bekannten Diskothek “Sound”. Gelegentlich übernachtet Helmut auch bei Schaustellern, wo er sich mit Prostitution über Wasser hält.

“Wir haben geklaut, was sich bewegen ließ”, sagt Helmut. Wenn nichts zu Essen dabei war, musste die Mülltonne herhalten. Auch ist es die Straße, die Helmut das erste Mal mit Drogen konfrontiert.

Ein harter Schicksalsschlag

In Berlin lernt Helmut seine Frau kennen. Die beiden leben zusammen auf der Straße, später auch in einer gemeinsamen Wohnung. Von der Straße in eine gemeinsame Wohnung? Für die damalige Zeit ungewöhnlich. Schon fast eine Sensation. Das fand auch eine Zeitung, die eine Reportage über die beiden veröffentlichte.

Den Tränen nahe: Helmut erzählt von seiner ersten Frau

Plötzlich der Schock, mit dem Helmuts Welt zusammenbricht. Bei seiner Frau wird HIV nachgewiesen. Der Virus, der später die tödliche Krankheit AIDS bei ihr auslösen wird. Jahrelang lebt er mit dem Gedanken, sich angesteckt zu haben. Testen? War für ihn deshalb überflüssig. Die Nachricht, dass er nicht infiziert ist, war eine positive in einer doch so negativen Zeit. Helmut pflegt seine Frau. Selbst dann, als sie sich durch die Krankheit AIDS kaum noch bewegen kann. 

1989 landet Helmut wegen Beschaffung und Handels mit Kokain und Heroin im Gefängnis. Abhängig ist er bereits seit mehreren Jahren. Währenddessen wird seine Frau in einer Pflegeeinrichtung untergebracht. Das Gefängnis zwingt Helmut zu einem kalten Entzug. Danach hat er nie wieder Drogen genommen. Ein Jahr, nachdem Helmut aus dem Gefängnis entlassen wurde, stirbt seine Frau schließlich. Ein Stück von Helmut mit ihr.

Die schönste Zeit: Doch auch diese endet

Später lernt Helmut seine neue Ehefrau kennen. Eine Zeit, welche im Nachhinein betrachtet die schönste und erfolgreichste seines Lebens wurde. Sie wohnen in einer Wohnung. Helmut arbeitet als Fachinformatiker für Systemintegration, als selbstständiger Vermögensberater und viele Jahre als Gerüstbauer. Die beiden bekommen zwei Söhne. Helmut aber fällt es schwer, eine familiäre Bindung aufzubauen. Für seine Söhne war er eher ein “Kumpel”, sagt er. Ein richtiger Vater konnte er dadurch nie sein.

Einige Jahre später zerbricht die Ehe. Heute hat Helmut keinen Kontakt mehr zu ihnen.

“Ich war Gast in meiner eigenen Familie.”

Helmut

Das Schicksal holt Helmut ein. Aufgrund seiner prägenden Vergangenheit entwickelt er eine bipolare Störung, eine traumatische Belastungsstörung und eine Essstörung. Er fällt in schwere Depressionen – mit Suizidgedanken. Mehrfach landet Helmut deshalb in der Psychiatrie. Eine emotionale Zeit. Nicht nur er muss beim Erzählen mehrmals schlucken. Wir auch.

“Ich habe mir dieses Leben so nicht ausgesucht”

Helmut

Sein Leben heute: Endlich angekommen

Obdachloser Helmut aus Nürnberg.
Nach langer Zeit wieder glücklich: Die Heilsarmee gibt ihm Halt

Heute ist Helmut 55 Jahre und hat in der Heilsarmee das gefunden, was ihm sein halbes Leben lang fehlte: ein Zuhause.

“Die Heilsarmee ist meine Heimat. Mein Zuhause. Meine Familie.”

Helmut

Zum Hintergrund: Die Heilsarmee ist eine christlich-soziale Einrichtung, die hilfsbedürftigen Menschen ein Dach über dem Kopf bietet. Wie viele andere, von ähnlichen Schicksaalsschlägen betroffene Menschen, hat auch Helmut dort ein eigenes Zimmer. Das reicht ihm völlig aus, denn viel besitzt er sowieso nicht.

“55 Jahre Leben. Ein Koffer und ein Rucksack. Mehr gibt es nicht.”

Helmut

Er bekommt Essen und Verpflegung, einen Job und eine Routine. Vor allem aber, so Helmut, hat er dort endlich wieder soziale Kontakte knüpfen können.

Denn in der Heilsarmee ist jeder gleich. “Die Menschen hier schockiert nichts mehr”, sagt Helmut. Er fühlt sich verstanden. Durch seinen geregelten Tagesablauf steht er jeden Morgen gegen 08.00 Uhr auf und geht in der Kreativwerkstatt der Heilsarmee arbeiten. “Ich war schon immer künstlerisch veranlagt”. Er lächelt. Es tut ihm gut, gebraucht zu werden. Nach langer Zeit bezeichnet er sich endlich wieder als glücklich.

Sein größter Wunsch. Doch ist er dafür bereit?

Sein größter Wunsch ist es, ein normales Leben führen zu können, Familie zu haben und einfach anzukommen. Er weiß jedoch auch, dass er für ein selbstständiges Leben noch nicht bereit ist.


Die Geschichte von Helmut hat uns gepackt. Schockiert. Traurig gemacht. Aber auch Hoffnung gegeben, dass jedem Menschen geholfen werden kann.

Für die Zukunft wünscht sich Helmut, dass man aufhört, die Augen vor Obdachlosen zu verschließen. “Hinter jedem Menschen steckt auch viel Geschichte”, sagt Helmut.

Er hat in der Heilsarmee viele studierte, ehemalige Ärzte oder Anwälte kennengelernt. Obdachlosigkeit kann jeden treffen. Und wie auch Helmut, haben sich viele das Leben so nicht ausgesucht.