Monika Riedel und ihre Schwester Olga Nikol sind im Nebenzimmer, als sie einen Schuss aus dem Wohnzimmer hören. Der Schuss ging in die Decke. Der Besuch ihres Vaters hatte sich gestritten. Die beiden Schwestern sind im Valka-Lager in Nürnberg aufgewachsen. Es war ein Unterbringungsort für “displaced persons”, sogenannte heimatlose Ausländer.

“Wir haben jahrelang noch das Loch in der Wohnzimmerdecke gesehen”, sagt Monika Riedel heute und lacht dabei. “Das war damals einfach so, danach hat sich jeder wieder verstanden”, ergänzt sie. Im Zeitzeuginnengespräch erzählen die Schwestern von Ihrer Kindheit in den Baracken des Valka-Lagers.

Olga Nikol (l.) und Monika Riedel (r.)
Olga Nikol (l.) und Monika Riedel (r.) bei dem Zeitzeuginnengespräch im Dokumentationszentrum Nürnberg.

Die größte Einrichtung für heimatlose Ausländer in Bayern

Der Name stammt von der lettisch-estnischen Grenzstadt Valka. Denn in der ersten Zeit nach dem Krieg lebten im Lager besonders viele Menschen aus den baltischen Ländern. Von 1946 bis 1960 waren es zeitgleich bis zu 4000 aus mehr als 30 Nationen. Darunter freigelassene Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und KZ-Insassen. Für viele war das Lager eine Zwischenstation, um danach auszuwandern, oder vielmehr ein Warteraum für ein besseres Leben außerhalb von Deutschland.

Bild: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände / Sammlung Monika Riedel
Die Schwestern beim Spielen vor ihrem Haus in der Steinbaracken-Siedlung des Valka-Lagers. Der VW-Käfer, der nicht ihrer Familie gehörte, war das einzige Auto in der gesamte Siedlung. Bild: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände / Sammlung Monika Riedel

Olga Nikol und Monika Riedel lebten in den Steinbaracken bis sie acht und neun Jahre alt waren. Sie hatten kein warmes Wasser, kein Kinderzimmer. Warm war es nur, wenn Kohle für den Ofen da war. Sie haben in Armut gelebt und doch war es für die beiden Schwestern die schönste Kindheit.

“Wir waren immer draußen”, erzählt Olga Nikol. Im Sommer haben sie im Matsch gespielt, im Winter sind sie Schlitten gefahren. Einmal die Woche wurden sie gebadet. Es gab ein Waschbecken mit kalten Wasser für alle Bewohner einer Baracke. Die Kinder im Lager waren immer beisammen. Die Türen der Wohnungen standen offen.

Hier trafen Menschen aus über 30 Nationen aufeinander, Kulturen haben sich vermischt. Den Kindern war das egal. “Wir haben mit jedem gespielt. Nur bei den Eltern gab es untereinander ab und an ein wenig Knatsch, wenn politisiert wurde”, sagt Olga Nikol, die im Lager geboren wurde.

Staatsbürgerschaft: heimatlos?

Ihr Vater war Jugoslawe, ihre Mutter Deutsche. Warum sie 1952 in das Lager kamen, wissen die Schwestern nicht. Eigentlich wollte die Familie weiter nach Brasilien auswandern. Auf Wunsch ihrer Mutter blieben sie aber in Deutschland. Als das Lager 1960 aufgelöst wurde, bekamen sie in Nürnberg eine Wohnung. Auf Olga Nikols Pass stand auch noch lange Zeit nach ihrem Leben in den Steinbaracken “heimatloser Ausländer”. Bis sie endlich die deutsche Staatsbürgerschaft bekam, dauerte es – obwohl sie in Nürnberg geboren wurde und dort ihr Leben lang geblieben ist.

Bild: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände / Sammlung Monika Riedel
Das Bild zeigt rechts die Steinbaracken-Siedlung des Valka-Lagers, in der die Schwestern lebte.
Bild: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände / Sammlung Monika Riedel

Ich träume noch vom Lager – immer und immer wieder.

Olga Nikol, geboren im Valka-Lager 1952

Die Schwestern erzählen noch heute ihren Enkeln Geschichten und Anekdoten aus ihrer Kindheit. Die Gemeinschaft sei besonders gewesen. Wenn der Strom ausgefallen ist – und das passierte häufig -, sind die Schwestern zum nächsten Laden im Lager gelaufen und haben dort Kerzen geholt. Der Laden sei abends immer rappelvoll gewesen, die Leute haben getrunken und geraucht. Sogar die Polizei habe mitgetrunken. “Es war wunderschön, sowas erlebt man heute nicht mehr.”

Meine Kindheit war nicht so rosig.

Maria Weidel, geboren im Valka-Lager 1954

So glücklich wie Monika Riedel und Olga Nikol denkt nicht jeder an das Lager zurück. Eine davon ist Maria Weidel. Ihre Eltern kamen mit einem Viehtransporter aus Russland und der Ukraine in das Lager. Sie konnten kein deutsch und hatten deshalb keine Arbeit. “Als Kinder mussten wir viel entbehren”, erzählt Maria Weidel. Für die Eltern war es schwierig, die Kinder durchzubringen. Sie hatten eine andere Kindheit als Kinder außerhalb des Lagers. Das wurde ihnen erst bewusst, als sie ein Leben außerhalb der Baracken kennenlernten. “Das war schon sehr schwer für uns als Kinder”. 

Die meisten Bewohner des Lagers sind mit der Zeit ausgewandert. Monika Riedel und Olga Nikol haben nur noch mit sehr wenigen Freunden aus der Zeit Kontakt. Die beiden Schwestern sind bis heute in Nürnberg geblieben. Sie denken gerne an ihre Kindheit zurück und wünschen sich manchmal, noch einmal so eine Gemeinschaft wie damals zu erleben.

Bild: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände / Sammlung Monika Riedel
Bild: Dokumentationszentrum Reichsparteitagsgelände / Sammlung Monika Riedel