Von St. Peter in den Stadtrat: Dr. Nasser Ahmed spricht über seine Liebe zu Nürnberg, warum er sich als „waschechter Nürnberger“ sieht und weshalb er die Stadt zu einer „Stadt der Chancen“ für alle machen möchte.
Im Interview mit Herausgeber Constantin Kaindl (Titelbild rechts) und Redakteurin Cornelia Gross geht es um Bildungsgerechtigkeit, soziale Teilhabe, faire Mobilität – und um das Ziel, dass jedes Kind in Nürnberg eine echte Perspektive bekommt.
Wir haben übrigens auch mit den Kandidaten der CSU Marcus König und der GRÜNEN Britta Walthelm Interviews geführt. Diese Interviews findest Du hier:
Interview mit Marcus König: https://deinnaemberch.de/wir-alle-sind-nuernberg-ob-marcus-koenig-ueber-wurzeln-wir-gefuehl-und-nuernbergs-zukunft/
Interview mit Britta Walthelm: https://deinnaemberch.de/authentisch-und-unaufgeregt-ob-kandidatin-britta-walthelm-ueber-direkte-buergernaehe-und-eine-lebenswerte-wetterfeste-stadt/

deinNämberch: Für alle, die Sie nicht kennen: Wie ist Ihre Verbindung zu Nürnberg?
Dr. Nasser Ahmed: Ich sage immer: Man hört es an meinem Namen und man sieht es mir an – ich bin waschechter Nürnberger. Aufgewachsen bin ich in der Neumarkter Straße, also in St. Peter. Ich fühle mich als echter „Peterlesbou“, bin Clubmitglied, Clubfan, liebe diese Stadt – Nürnberg ist Heimat durch und durch. Ich habe nie woanders gewohnt und kann es mir auch nicht vorstellen, woanders zu leben.
deinNämberch: Was schätzen Sie am meisten an unserer Stadt?
Ahmed: Nürnberg ist nicht zu groß, nicht zu klein – sehr traditionsbewusst, aber zugleich offen für Neues. Ich habe Nürnberg immer als Stadt erlebt, die Herz hat und sich gleichzeitig weiterentwickeln will. Das schätze ich sehr.
deinNämberch: Welchen Tipp haben Sie für Neu-Nürnbergerinnen und -Nürnberger?
Ahmed: Nürnberg hat so viel zu bieten, da fällt es mir schwer, mich festzulegen. Man sollte auf jeden Fall mal zu einem Club-Spiel gegangen sein – genauso wie zu den Ice Tigers. Nürnberg hat 13 Bundesligamannschaften, das wissen viele gar nicht.
Dazu kommen tolle Umsonst-und-Draußen-Veranstaltungen wie das Bardentreffen oder das Klassik Open Air. Kirchweihen sind für Menschen, die von außerhalb kommen, auch etwas Besonderes. Aber auch Zukunftsthemen spielen hier eine Rolle – das Nürnberg Digital Festival oder der ZOLLHOF, unser Tech-Inkubator. Nürnberg hat Tradition und Zukunft zugleich. Ich würde also eher ein ganzes Erlebnis-Paket empfehlen.
Mit fast 550.000 Einwohnern sind aber wir die zweitgrößte Stadt Bayerns und auf Platz 13 in Deutschland. Viele, die hierherkommen, staunen und wollen bleiben. Ganz nach dem Motto der Metropolregion: Kommen. Staunen. Bleiben.

deinNämberch: Sie sind viel auf Bürgerfesten unterwegs. Wie wichtig ist Ihnen der direkte Kontakt mit den Menschen?
Ahmed: Extrem wichtig. Seit 12 Jahren bin ich bereits als Stadtrat unterwegs und wurde nicht nur von den Bürgerinnen und Bürgern gewählt, sondern auch für sie gewählt. Ich bin keiner, der sich im Rathaus verschanzt, sondern ich bin lieber draußen unterwegs.
Gerade in Zeiten, in denen sich viele Menschen von Politik abwenden, ist es wichtig, dass Politik zu den Menschen kommt. Ich will diejenigen erreichen, die sich nicht mehr gesehen fühlen – Unternehmerinnen, Arbeitnehmer, Junge, Ältere, alle. Das ist mein Auftrag.

deinNämberch: Haben Anfeindungen in den letzten Jahren zugenommen?
Ahmed: Draußen erlebe ich Nürnberg als anständige Stadt. Die absolute Mehrheit will arbeiten, vorankommen, die Stadt besser machen. Die Probleme liegen in den sozialen Medien. Dort sind Hass und Hetze stärker geworden. Aufgrund der enormen Anfeindungen auf Instagram haben wir 50 Strafanzeigen gestellt. Es hat sich herausgestellt, dass 30 davon Bots waren. Das zeigt: Ein Großteil dieser Hetze wird künstlich erzeugt, um unsere Demokratie zu destabilisieren. Mein Appell: Die 95 Prozent der anständigen Menschen müssen lauter werden – Haltung zeigen, widersprechen, kommentieren.
deinNämberch: Was machen solche Angriffe persönlich mit Ihnen?
Ahmed: Das Schockierende ist: Viele posten Hass inzwischen unter Klarnamen. Dinge sind sagbar geworden, die früher undenkbar waren. Aber ich lasse mich nicht einschüchtern. Das Ziel solcher Angriffe ist, Menschen zum Schweigen zu bringen, die sich für eine gerechtere Welt einsetzen. Und da sage ich ganz klar: Jetzt erst recht.
deinNämberch: Warum haben Sie sich entschieden, für das Amt des Oberbürgermeisters zu kandidieren?
Ahmed: Weil ich Nürnberg liebe – und weil ich sehe, dass es zu viel Stillstand gibt. Ich will Oberbürgermeister einer Stadt der Chancen werden. In Nürnberg verlassen 6 bis 8 Prozent der Kinder die Schule ohne Abschluss. Das will ich beenden. Jedes Kind soll eine faire Chance bekommen – auf Bildung, Wohnen, Arbeit und Wohlstand durch gute Arbeit.
deinNämberch: Wo sehen Sie aktuell den größten Stillstand?
Ahmed: Ein einfacher Gang durch die Breite Gasse zeigt, dass unsere Innenstadt wieder mehr Aufmerksamkeit braucht. Wir müssen die Altstadt als Erlebnisraum stärken – mit Sauberkeit, Kultur, Aufenthaltsqualität. Auch die Industrie braucht klare Ansiedlungs- und Transformationsstrategien.
20 Prozent der Nürnberger Jobs hängen direkt oder indirekt an der Industrie – und trotzdem haben wir beim ICE-Werk Chancen verschenkt. Im Bildungsbereich ist der Stillstand besonders spürbar: marode Schulen, defekte Toiletten, fehlende Ausstattung.
Es fehlt nicht am Geld, sondern an den Prioritäten. Statt Prestigeprojekten wie einer Gartenschau im Stadtgraben oder einer Magnetschwebebahn sollten wir in Schulen und Wirtschaft investieren.

deinNämberch: Wie sähe Nürnberg nach sechs Jahren unter Oberbürgermeister Ahmed aus?
Ahmed: Wir hätten uns von Prestigeprojekten verabschiedet und in Bildung, Wirtschaft und Mobilität investiert. Die Königstraße wäre neu gestaltet und begrünt, der Plärrer umgebaut, neue Straßenbahnlinien gebaut – etwa die Verlängerung der Linie 7 oder die Minervastraße.
Wir hätten den Lärmschutz am Frankenschnellweg umgesetzt, die Stadt-Umland-Bahn vorangebracht und eine Markthalle im ehemaligen Kaufhof geschaffen – als kulinarische Mitte Nürnbergs. Kurz gesagt: Nürnberg wäre ein gutes Stück näher an der Stadt der Chancen.
deinNämberch: Wie wichtig ist Ihnen nachhaltige Stadtentwicklung?
Ahmed: Sehr. Ich sehe ökologische und soziale Themen als Einheit. Wenn man an einem heißen Tag durch grüne Viertel läuft und dann durch Stadtteile wie St. Leonhard oder Muggenhof, spürt man den Unterschied. Es geht um Lebensqualität.
Deshalb kämpfe ich nicht für Prestige- oder Klimagrün, sondern für soziales Grün – also Grünflächen dort, wo Menschen sie brauchen, in den Stadtteilen. Jedes Kind hat das Recht, in einem sauberen, sicheren und grünen Umfeld aufzuwachsen. Das ist Klimaschutz für Menschen.
deinNämberch: Wie fördern Sie den Dialog zwischen Politik und Bürgern?
Ahmed: Wir haben mit dem Jugendpartizipationsprojekt „laut!“ gute Erfahrungen gemacht. Junge Menschen werden direkt beteiligt, ihre Ideen fließen in die Stadtpolitik ein. Genau so stelle ich mir das auch für die ganze Stadt vor: Politik auf Augenhöhe, vor Ort, in allen Stadtteilen. Ich will jede Straße in Nürnberg besuchen, weil man nur Oberbürgermeister für ganz Nürnberg sein kann, wenn man ganz Nürnberg kennt.

deinNämberch: Was schätzen Sie an Ihren Mitstreiterinnen & Mitstreitern?
Ahmed: Menschlich schätze ich Marcus König natürlich, wir arbeiten eng zusammen – ebenso mit den Grünen. Und dennoch treten wir alle gerade in einen Wettbewerb der Ideen. Von daher rede ich gerne über mein Programm und meine Kolleginnen und Kollegen über ihre Themen. Schlussendlich müssen sich die Leserinnen und Leser selbst ein Bild machen.
deinNämberch: Wie stehen Sie zur Diskussion um Ihr Buch, das im Verlag Nürnberger Presse erschienen ist?
Ahmed: Ich habe als Nürnberger ein Buch über Nürnberg geschrieben – über Chancen, die ich bekommen habe, und die alle bekommen sollten. Der Verlag hat sich entschieden, die Geschichte zu veröffentlichen, weil sie erzählenswert ist. Als wir darüber gesprochen haben, war meine Kandidatur noch gar nicht entschieden. Für mich ging es um eine zutiefst Nürnberger Geschichte – erzählt in einem Nürnberger Verlag.
deinNämberch: Was wünschen Sie sich für die Nürnbergerinnen und Nürnberger?
Ahmed: Ich wünsche mir eine Stadt, in der sich alle wohlfühlen – egal, woher sie kommen oder wie sie aussehen. Eine Stadt, in der jedes Kind eine faire Chance hat und sagen kann: „Ich bin waschechte Nürnbergerin oder waschechter Nürnberger.“
Ich hatte kürzlich ein Erlebnis: Ein Vater erzählte mir, seine Tochter sei in der Schule gehänselt worden, weil sie schwarz ist. Nach einem Auftritt von mir beim Südstadtfest sagte sie stolz: „Ich bin auch waschechte Nürnbergerin.“ Genau das ist mein Ziel: Ein Nürnberg, in dem alle dazugehören und stolz sagen können – das ist meine Stadt.
deinNämberch: Was kann Nürnberg von Fürth lernen?
Ahmed: Vielleicht, aus wenig viel zu machen. Fürth hat gezeigt, dass man mit klaren Schwerpunkten und wenig Mitteln Großes erreichen kann. Das ist etwas, was wir uns auch in Nürnberg öfter vornehmen sollten – im besten Sinne von: klug haushalten und mutig gestalten.
deinNämberch: Vielen Dank für das interessante Gespräch!
