Von Maxfeld über Rom und Jerusalem zurück nach Nürnberg: Martin Brons ist Pfarrer an St. Sebald und möchte Kirche dort erlebbar machen, wo das Leben stattfindet. Ob beim Club-Gottesdienst zum 125. Geburtstag des 1. FC Nürnberg, beim Bardentreffen oder auf Instagram – für ihn gehört Kirche mitten in die Stadtgesellschaft.
Im Interview mit deinNämberch spricht er über seine Verbundenheit zu Nürnberg, ungewöhnliche Gottesdienste und seine Vision für die Zukunft der Kirche in unserer Stadt.
Martin, du bist in Nürnberg aufgewachsen – was bedeutet dir die Stadt heute?
Nürnberg ist für mich echte Heimat – und das merke ich wahrscheinlich umso stärker, weil ich zwischendurch an ganz unterschiedlichen Orten gelebt habe. Ich habe die ersten Jahre in Maxfeld verbracht und dann die Jugend in Kraftshof. War Kärwa-Bursche und habe hier als Rettungssanitäter Zivildienst gemacht. Dadurch kenne ich viele Ecken und Menschen seit meiner Kindheit und habe gleichzeitig das Gefühl, diese Stadt immer noch neu entdecken zu können.
Was ich an Nürnberg mag, ist diese besondere Mischung: eine Stadt mit einer unglaublich reichen Geschichte, die aber nicht in ihrer Geschichte stehen bleibt. Man kann hier sehr bodenständig sein und gleichzeitig weit über den eigenen Tellerrand schauen. Und Nürnberg ist groß genug, dass sehr unterschiedliche Menschen und Lebenswelten zusammenkommen – und klein genug, dass man sich begegnet. Das macht für mich mein Nämberch aus.

Du hast unter anderem in Rom, Heidelberg, Jerusalem und Berlin gelebt und gearbeitet. Warum bist du schließlich wieder in Nürnberg gelandet?
Ich bin sehr dankbar für diese Jahre. Gerade Jerusalem und Rom haben meinen Blick darauf geprägt, was Religion, Geschichte und große Kirchenräume für Menschen bedeuten können. Und auch die anderen Stationen haben meinen Horizont erweitert. Dass ich wieder in Nürnberg gelandet bin, war trotzdem nicht Teil eines großen Lebensplans. Manches fügt sich einfach: in Nürnberg waren zur richtigen Zeit Stellen frei, die für meine Frau und mich gepasst haben. Heute empfinde ich es als großes Glück, all diese Erfahrungen an den Ort zurückbringen zu können, an dem ich selbst groß geworden bin.
Und vielleicht schaut man auf die eigene Stadt nach Jahren anderswo auch mit anderen Augen. Vieles, was einem als Kind selbstverständlich erschien, entdeckt man plötzlich als etwas Besonderes.

Was reizt dich daran, ausgerechnet mitten in der Nürnberger Altstadt Pfarrer zu sein?
Dass eigentlich kein Tag planbar ist. St. Sebald liegt mitten im Herzen der Stadt. Hier kommen Gemeindeglieder, Touristen aus aller Welt, Schulklassen, Menschen auf dem Weg zur Arbeit, Politikerinnen und Politiker, Musiker, Obdachlose, Brautpaare und Trauernde zusammen. Und das seit 800 Jahren! Manche kommen zum Gottesdienst, andere wegen Dürer oder Pachelbel, manche zünden nur eine Kerze an und gehen nach fünf Minuten wieder.
Genau das finde ich faszinierend. Ich möchte Pfarrer nicht nur für diejenigen sein, die ohnehin jeden Sonntag in die Kirche kommen (und: unsere Gottesdienste sind sehr gut besucht!). Eine Stadtkirche ist für mich ein Ort, an dem Kirche und Stadtgesellschaft sich begegnen. Und die große Besonderheit für uns ist: dass der Nürnberger Stadtpatron schon immer die Menschen um sich versammelt hat.
Du sagst, Kirche soll in der Stadt präsent sein. Was bedeutet das für dich ganz konkret?
Für mich bedeutet das zunächst: Die Türen müssen offen sein – und wir müssen selbst durch diese Türen hinausgehen.
Kirche darf nicht darauf warten, dass die Menschen zu ihr kommen. Sie muss wahrnehmen, was die Menschen einer Stadt beschäftigt: Freude und Trauer, politische und gesellschaftliche Fragen, Kultur, Musik, Sport, Einsamkeit, die Suche nach Orientierung.
Deshalb gehören für mich ein klassischer Sonntagsgottesdienst, das Coventry-Friedensgebet, ein Gespräch bei einer Tasse Kaffee in unserem Café Maulbeere im Sebalder Pfarrhof, ein Konzert, eine Schulklasse, ein Fußballgottesdienst oder auch eine Diskussion über die Zukunft unserer Stadt durchaus zusammen. Es geht immer um Menschen und um die Frage, was unserem Leben Halt, Hoffnung und Orientierung gibt.
Und das Spannende für mich: Das hat sich schon immer auch an der Person unseres Stadtpatrons Sebaldus festgemacht.

Von Kultur über gesellschaftliche Themen bis hin zum Fußball: Warum sollte Kirche auch dort stattfinden, wo man sie vielleicht nicht unbedingt erwartet?
Weil Gott sich glücklicherweise auch nicht auf Kirchenmauern beschränken lässt… Die christliche Botschaft handelt vom wirklichen Leben: von Gemeinschaft, Scheitern und Neuanfang, Schuld und Versöhnung, Freude, Hoffnung und davon, dass ein Mensch mehr ist als das, was er leistet. All diese Themen begegnen einem eben nicht nur sonntagmorgens um zehn. Und abgesehen davon finde ich es einfach spannend, ganz unterschiedlichen Menschen zu begegnen und freue mich, wenn sie dann plötzlich erleben: Kirche hat ja tatsächlich etwas mit meinem Leben zu tun. Das kann bei einem Konzert passieren, bei einer gesellschaftlichen Debatte, beim Bardentreffen – oder eben beim Fußball.

Zum 125. Geburtstag des 1. FC Nürnberg hast du einen besonderen Gottesdienst in St. Sebald mitinitiiert. Wie kam es dazu – und was ist dir davon besonders in Erinnerung geblieben?
Der Club gehört zu Nürnberg – mit all seinen Höhen und Tiefen, seiner großen Geschichte und dieser manchmal ziemlich leidenschaftlichen Leidensfähigkeit seiner Fans. Insofern hatte ich mich schon immer gefragt, warum wir in Nürnberg keine zentralen Fan-Gottesdienste mit dem Club haben. Nach der Anfrage war für mich deshalb schnell klar: Wenn der 1. FC Nürnberg seinen 125. Geburtstag feiert, muss das auch in St. Sebald seinen Ort haben: „Die Legende lebt“ gilt für St. Sebald als Stadtpatron genauso wie für den Club.
Besonders in Erinnerung geblieben ist mir die unfassbare Atmosphäre: Da saßen und standen Menschen in Club-Trikots mit ihren Fahnen in einer fast 800 Jahre alten Kirche und haben miteinander gesungen, gebetet und gefeiert. Und plötzlich merkt man, dass Fußball und Kirche mehr miteinander zu tun haben, als man zunächst denkt: Gemeinschaft, Treue, Hoffnung – und die Fähigkeit, auch nach Niederlagen wieder aufzustehen. Gerade als Clubberer braucht man davon bekanntlich einiges.
Du bist auch auf Instagram sehr aktiv. Warum ist Social Media für dich als Pfarrer wichtig?
Weil dort Menschen sind. So einfach ist es eigentlich.
Wenn Kirche öffentlich sein möchte, kann sie nicht nur über Gemeindebriefe, Schaukästen und Sonntagsgottesdienste kommunizieren. Auf Instagram können und müssen wir auch mit unserer frohen Botschaft, dem Evangelium, präsent sein. Mir gefällt dabei besonders das Unmittelbare. Ein Bild aus der Kirche, eine Begegnung, ein Gedanke aus einem Gottesdienst oder auch einmal etwas, das mich selbst berührt oder zum Schmunzeln bringt. Kirche bekommt dadurch ein konkretes Gesicht. Und ich bekomme unmittelbar Reaktionen von Menschen, die wir über klassische kirchliche Kommunikationswege wahrscheinlich nie erreichen würden.

St. Sebald und St. Egidien stehen immer wieder für besondere Projekte und Veranstaltungen. Welches Projekt liegt dir aktuell besonders am Herzen?
Eigentlich ist es weniger ein einzelnes Projekt als die Frage, wie Kirche mitten in Nürnberg in Zukunft aussehen kann. Wir erleben gerade einen tiefgreifenden Wandel: Die evangelische Kirche hat weniger Mitglieder, weniger Geld und künftig auch deutlich weniger Personal. Wir können darauf reagieren, indem wir überall ein bisschen kürzen. Oder wir fragen: Was wollen wir unbedingt erhalten – und wo wollen wir sogar Neues aufbauen?
Wir versuchen das Zweite. Dazu gehört zum Beispiel unsere neue Pachelbel-Chorakademie, in der inzwischen viele Kinder und Jugendliche gemeinsam Musik machen. Dazu gehört die Weiterentwicklung von St. Sebald als offene Stadtkirche mit jährlich Hunderttausenden Besucherinnen und Besuchern. Und dazu gehört auch St. Egidien als besonderer Ort für Musik, Kultur und geistliches Leben.
Ein großes Zukunftsprojekt ist außerdem das Dürerjahr 2028. Albrecht Dürer wurde in St. Sebald getauft, hier lag seine geistliche und künstlerische Lebenswelt. Wir möchten diesen Zusammenhang neu sichtbar machen – und dabei nicht nur zurückschauen, sondern fragen: Wie kann Dürer Menschen heute inspirieren?
Mich reizt an all diesen Projekten dieselbe Frage: Wie können wir das große Erbe, das uns anvertraut ist, nicht nur bewahren, sondern daraus etwas Neues entstehen lassen?

Wenn du dir für Nürnberg und das Zusammenleben in der Stadt etwas wünschen könntest – was wäre das?
Dass wir uns die Fähigkeit bewahren, einander wirklich zu begegnen.
Wir leben in einer Zeit, in der Menschen sehr schnell in Gruppen eingeteilt werden und Debatten sehr schnell hart werden. Nürnberg hat in seiner Geschichte erfahren, wohin Ausgrenzung und Menschenverachtung führen können. Gerade deshalb wünsche ich mir eine Stadt, in der Unterschiede ausgehalten werden und wir neugierig aufeinander bleiben.
Und ich wünsche mir Orte, an denen das möglich ist – unabhängig von Herkunft, Religion, Alter oder sozialem Status. Kirchen können solche Orte sein. Nicht weil wir auf alles eine Antwort hätten, sondern weil wir Räume haben, in denen Menschen zusammenkommen können – und das seit Gründung der Stadt.
Wenn St. Sebald und St. Egidien dazu mitten in Nürnberg einen Beitrag leisten, dann wäre schon viel gewonnen. Und dann würde sich der Nürnberger Stadtpatron Sebaldus sicher freuen!
Vielen Dank für dieses interessante Gespräch!
