Bei den Inkluseekickern des Post SV Nürnberg geht es nicht um Tabellen, Tore oder Leistungsdruck – sondern um das Gefühl, dazuzugehören. Trainer David Winneberger spricht im Interview über ein Fußballangebot für Kinder mit und ohne Handicap, berührende Momente auf dem Platz und die Vision einer Jugend-Inklusionsliga, die in Nürnberg zum Vorbild werden könnte.
David, was ist deine persönliche Verbindung zu Nürnberg und zum Post SV Nürnberg?
Nürnberg ist für mich eine zweite Heimat geworden. Ich lebe hier mit meiner Familie, meine Kinder wachsen hier auf, und gerade über den Sport habe ich in der Stadt viele starke Gemeinschaften erlebt.
Zum Post SV Nürnberg habe ich eine sehr persönliche Verbindung, weil ich dort seit vielen Jahren im Jugendfußball aktiv bin. Meine Kinder haben dort ihr Vereinsleben gestartet. Der Verein ist für mich mehr als nur ein Sportverein. Er ist ein Ort, an dem Kinder Freunde finden, sich entwickeln, Selbstvertrauen gewinnen und erleben, was Teamgeist bedeutet. Genau deshalb passt das Projekt der Inkluseekicker so gut zum Post SV: Es geht nicht nur um Fußball, sondern darum, Kindern einen Platz in der Gemeinschaft zu geben.

Wie ist die Idee zu den Inkluseekickern entstanden?
Die Idee ist eigentlich aus einer ganz einfachen Beobachtung entstanden: Nicht jedes Kind findet im klassischen Vereinsfußball automatisch seinen Platz.
Viele Trainingsgruppen sind groß, oft geht es schnell um Leistung, Spielbetrieb und Ergebnisse. Für Kinder mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen, aber auch für Kinder, die einfach mehr Zeit, mehr Ruhe oder mehr individuelle Betreuung brauchen, ist das oft schwierig.
Da kam schnell die Frage auf: Warum schaffen wir nicht ein Angebot, bei dem wirklich jedes Kind Fußball erleben kann? Ohne Druck, ohne Angst, nicht mithalten zu können, aber mit echter Freude am Spiel. Daraus sind die Inkluseekicker entstanden.
Was macht die Inkluseekicker anders als ein klassisches Fußballtraining im Verein?
Der größte Unterschied ist unsere Haltung. Bei uns muss sich nicht das Kind an das Training anpassen, wir passen das Training an die Kinder an.
Wir arbeiten mit kleineren Gruppen, mit einfachen und flexiblen Spielformen und mit viel individueller Betreuung. Manche Kinder brauchen mehr Wiederholungen, andere mehr Pausen, manche suchen sofort den Ball, andere schauen erst einmal zu. Das ist bei uns völlig in Ordnung.
Natürlich spielen wir Fußball: Wir dribbeln, passen, schießen aufs Tor, machen kleine Spiele. Aber der eigentliche Fokus liegt auf Bewegung, Selbstvertrauen, sozialem Miteinander und dem Gefühl: Ich gehöre dazu.

Für welche Kinder ist das Angebot gedacht – und wer steht bei euch gemeinsam auf dem Platz?
Das Angebot richtet sich an Kinder mit ganz unterschiedlichen Voraussetzungen. Bei uns trainieren Kinder mit Handicap, Kinder ohne Handicap und auch Kinder, die im normalen Spielbetrieb vielleicht noch keinen passenden Platz finden würden.
Das können körperliche oder geistige Einschränkungen sein, Entwicklungsverzögerungen, Unsicherheiten im sozialen Miteinander oder einfach Kinder, die in großen Gruppen schnell untergehen.
Wichtig ist: Wir sortieren nicht danach, was ein Kind nicht kann. Wir schauen darauf, was möglich ist. Auf dem Platz stehen Kinder, die Spaß an Bewegung, Fußball und Gemeinschaft haben, und genau das verbindet sie.
Bei euch geht es nicht um Tabellen und Ergebnisse. Was steht stattdessen im Mittelpunkt?
Im Mittelpunkt steht das Kind. Nicht die Tabelle, nicht das Ergebnis, nicht der nächste Sieg.
Uns geht es darum, dass die Kinder sich bewegen, mutiger werden, Teil einer Mannschaft sind und erleben: Ich kann etwas. Ich werde gesehen. Ich werde gebraucht.
Wenn ein Kind zum ersten Mal freiwillig mitmacht, wenn es den Ball fordert, wenn es ein Tor schießt oder einem anderen Kind hilft, dann sind das für uns die großen Erfolge. Diese Momente zählen bei uns.
Gibt es einen Moment aus dem Training, der dir besonders gezeigt hat, warum sich dieses Projekt lohnt?
Ja, solche Momente gibt es mittlerweile viele. Besonders berührend sind für mich die Kinder, die am Anfang sehr zurückhaltend sind. Manche stehen erst am Rand, beobachten nur, trauen sich kaum auf den Platz, machen teilweise ihr eigenes Ding wie die Seitenlinie auf und ab zu laufen oder brauchen lange, bis sie Vertrauen fassen.
Und dann kommt irgendwann dieser Moment: Das Kind läuft plötzlich mit, sucht den Ball, macht beim Spiel mit oder jubelt gemeinsam mit den anderen. Für Außenstehende wirkt das vielleicht wie ein kleiner Schritt. Für dieses Kind und seine Familie ist es aber oft ein riesiger Moment.
Genau dann spürt man: Dafür machen wir das. Fußball kann Türen öffnen – manchmal ganz leise, aber unglaublich wirkungsvoll.
Welche Rückmeldungen bekommt ihr von Eltern, Kindern oder aus dem Verein?
Die Rückmeldungen sind sehr positiv und oft auch sehr emotional. Eltern sagen uns, dass ihre Kinder sich auf das Training freuen, dass sie zuhause vom Fußball erzählen, wieder Freude am Fußball haben, oder dass sie zum ersten Mal das Gefühl haben, wirklich in einem Team angekommen zu sein.
Auch aus dem Verein bekommen wir viel Unterstützung. Viele merken, dass die Inkluseekicker etwas bewegen, nicht nur für die Kinder, die mittrainieren, sondern auch für die Haltung im gesamten Verein. Es zeigt: Inklusion ist kein Sonderthema. Es gehört mitten in den Sport.
Und für uns Trainer ist es natürlich das Schönste, wenn Kinder mit einem Lächeln vom Platz gehen.
Aus den Inkluseekickern soll eine Jugend-Inklusionsliga entstehen. Wie genau stellt ihr euch diese Liga vor?
Unsere Vision ist eine Jugend-Inklusionsliga, in der mehrere Vereine inklusive Teams aufbauen und regelmäßig kindgerechte Spieltage durchführen. Wichtig ist, es ist eine gemeinsame Vision. Wir arbeiten hier sehr eng mit dem 1. FC Nürnberg zusammen. Gemeinsam mit der Stadt, und Verbänden wollen wir es ermöglichen eine solche Liga zu gründen.
Dabei soll es nicht um klassischen Leistungsdruck gehen, sondern um echte Spielerlebnisse: Trikot anziehen, gemeinsam auflaufen, gegen andere Teams spielen, Tore schießen, jubeln, Fairplay erleben. Genau diese Erlebnisse gehören für viele Kinder zum Fußball dazu und wir möchten, dass auch Kinder mit besonderen Voraussetzungen diese Momente erleben können.
Die Spieltage sollen flexibel, altersgerecht und inklusiv organisiert werden. Verschiedene Spielformen, angepasste Regeln, viel Fairness und eine Atmosphäre, in der jedes Kind mitmachen kann. Wenn wir damit weitere Vereine motivieren, eigene inklusive Teams zu starten, wäre das ein großer Schritt für den Jugendfußball in der Region und darüber hinaus. Wir wollen das in Nürnberg als Vorreiter gestalten.
Was wünschst du dir für die Zukunft der Inkluseekicker – und wie können Vereine, Eltern oder Unterstützer mitmachen?
Ich wünsche mir, dass die Inkluseekicker weiter wachsen, aber vor allem wünsche ich mir, dass noch mehr Kinder die Chance bekommen, Fußball als Teil einer Mannschaft zu erleben.
Dafür brauchen wir Vereine, die offen sind, neue Wege zu gehen. Eltern, die sich trauen, ihr Kind einfach mal vorbeizubringen. Trainerinnen und Trainer, die Lust haben, sich einzubringen. Und natürlich Unterstützer, die helfen, solche Angebote nachhaltig aufzubauen.
Aktuell freuen wir uns besonders über jede Unterstützung beim VR Förderpreis, bei dem die Inkluseekicker nominiert sind und die Abstimmphase noch läuft. Jede Stimme hilft uns, das Projekt sichtbarer zu machen und die nächsten Schritte zu finanzieren, vom Trainingsmaterial, Trainerausbildung und Betreuung der Trainings, bis zur Weiterentwicklung der Jugend-Inklusionsliga.
Am Ende geht es um eine einfache Überzeugung: Jedes Kind verdient einen Platz auf dem Feld. Genau dafür stehen die Inkluseekicker.
Vielen Dank für dieses interessante Gespräch!
